Vielleicht kennt der eine oder andere das Gefühl: Man glaubt, das Metier im Schlaf zu beherrschen, kauft sich schlussendlich teures Premium-Equipment – und scheitert am Ende krachend an einer Wand aus Unschärfe und Matsch. Mir ging es im vergangenen Jahr exakt so. Erst als ich meine eigenen Denkmuster über Bord warf und mich intensiv mit den optischen Gesetzen auseinandersetzte, ging mir ein Licht auf.
Dies ist meine Geschichte von Frust, physikalischen Irrwegen und der Erkenntnis, dass teure Komponenten am falschen Teleskop rein gar nichts nützen.
Verwöhnt vom Schmidt-Cassegrain und das große Scheitern
Jahrelang war Planetenfotografie für mich ein entspanntes, dankbares Hobby. Ich fotografierte mit einem 14″ Meade LX200R – einem mächtigen Advanced Ritchey-Chrétien mit satten 3550 mm Brennweite und einem entspannten Öffnungsverhältnis von f/10. An diesem System war Planetenfotografie fast ein Selbstläufer. Schon zu Beginn gelang mir mit einfachem Einsteiger-Equipment wie der ZWO ASI 120MC und der günstigen Baader Q-Turret-Barlow per Lucky Imaging vorzeigbare Ergebnisse. Selbst ohne Barlow waren die Bilder richtig gut.

Später wechselte ich auf die schnellere ASI 462MC, um das atmosphärische Seeing noch besser einzufrieren. Egal wann ich auf Jupiter oder Saturn hielt: Je nach Seeing waren eigentlich immer solide bis hervorragende Planetenfotos drin. Verzweiflung? Die kannte ich an diesem Fernrohr schlichtweg nicht – zumindest, wenn es um die Planetenfotografie ging.

Bei Deep-Sky sah die Sache allerdings ganz anders aus. Die immense Brennweite und das langsame Öffnungsverhältnis von f/10 machten die Jagd nach schwachen Nebeln und Galaxien zu einer echten Geduldsprobe. Ein Wechsel musste her. So zog vor etwas mehr als einem Jahr mein neues Arbeitsgerät ein! Ein extrem schneller 10″ TS N-AG10 Newton mit f/4. Die Planeten rückten erst einmal komplett in den Hintergrund, denn die schier endlosen Möglichkeiten in der Deep-Sky-Fotografie nahmen mich vollkommen in ihren Bann.
Nach einem Jahr erfolgreicher Deep-Sky-Nächte packte mich aber doch wieder die Lust auf das Sonnensystem. Ich wusste schließlich, dass auch mit einem 10″ Newton fantastische Planetenbilder möglich sind – ein Video von Daniel Nimmervoll am Jupiter hatte sich damals tief in mein Gedächtnis eingebrannt.

Mit der Selbstverständlichkeit aus meiner Zeit am 14″ SCT wollte ich es dieses Mal von Anfang an absolut perfekt machen. Ich nahm ordentlich Geld in die Hand und kaufte mir ein „Traum-Set“:
- Kamera: ZWO ASI 678MC (Color)*
- Barlow: TeleVue 3x Barlowlinse 1,25″* (galt für mich als das absolute Non-Plus-Ultra)
- Filter: Baader Kontrast Booster 1,25″* (planoptisch poliert)
Ich war überzeugt, damit das beste Equipment auf dem Tisch zu haben. Umso größer war der Schock in der ersten Nacht: Auf dem Bildschirm zeigte sich beim Scharfstellen am Jupiter nur ein undefinierbarer, weicher Matsch. Nicht einmal die prägnanten Wolkenbänder waren zu erkennen. Selbst ohne die Barlowlinse war der winzige Jupiter nicht scharf zu kriegen.

In der ersten Nacht schob ich es noch auf extrem schlechtes Seeing. Doch als sich in den folgenden Nächten und über Wochen hinweg rein gar nichts änderte und jedes Bild unbrauchbar blieb, verlor ich die Nerven. Völlig frustriert verkaufte ich mein gesamtes Planetensystem.
Die Spurensuche – Warum ein f/4 Newton völlig anders tickt
Um zu verstehen, warum mein teures Equipment kläglich versagte, müssen wir uns die Optik genauer ansehen. Warum funktionierte eine günstige Baader Q-Turret Barlow* am 14″ f/10 Schmidt-Cassegrain tadellos, während die fast achtmal so teure TeleVue-Barlow meinen 10″ f/4 Newton in ein Unschärfe-Monster verwandelte?
1. Das Problem mit dem steilen Lichtkegel (Sphärische Aberration)
Ein f/10-Teleskop wirft ein schlankes, entspanntes Lichtbündel nach hinten. Ein f/4-Hauptspiegel hingegen ist ein optischer „Rennwagen“: Er bündelt das Licht extrem steil.

Eine klassische 2-linsige Barlow ist für entspannte f/6 bis f/10 Lichtkegel gerechnet. Trifft das extrem steile Lichtbündel eines f/4-Spiegels auf eine solche Linse, werden die Lichtstrahlen am Rand der Linse viel zu stark gebrochen. Sie treffen nicht mehr im selben Brennpunkt zusammen wie die Lichtstrahlen aus der Linsenmitte.

Das Fachwort dafür heißt sphärische Aberration (Öffnungsfehler). Das Gemeine daran: Dieser Fehler entsteht direkt im Zentrum des Bildes. Egal wie exakt du den Planeten in der Bildmitte platzierst, es gibt schlichtweg keinen scharfen Fokuspunkt mehr. Der Planet wird von einem permanenten, weichen Unschärfe-Halo überlagert.
2. Der mikroskopisch kleine „Sweet Spot“
Man hört oft das Argument: „Ein Planet ist doch winzig und steht in der Mitte, da stört Koma nicht.“ Das stimmt beim f/4 Newton leider nur theoretisch. Der Bereich, in dem ein f/4 Hauptspiegel ohne Korrektur absolut perfektes Licht liefert, misst auf dem Kamerasensor oft nur den Bruchteil eines Millimeters. Wandert der Planet durch Montierungsspiel oder Windhauch auch nur minimal aus der absoluten Mitte, schlägt die Koma gnadenlos zu.
3. Divergierender vs. paralleler Strahlengang
Eine einfache Barlow ist ein divergierendes System: Sie fächert die Lichtstrahlen nach der Linse steil auf. Ein telezentrisches System (wie eine TeleVue Powermate oder die Skywatcher Nomad) besitzt hingegen vier Linsen in zwei Gruppen. Sie richtet die Lichtstrahlen so um, dass sie völlig parallel auf den Kamerasensor treffen. Das verhindert Abbildungsfehler und sorgt dafür, dass moderne Sensoren mit ihren Mikrolinsen das Maximum an Kontrast herausholen können.

Die Erkenntnis und der zweite Anlauf
Nachdem mir diese optischen Zusammenhänge klar wurden, reifte der Entschluss: Ich gebe der Planetenfotografie noch eine Chance! Diesmal ging ich jedoch völlig anders an die Sache heran. Nach dem schmerzhaften Fehlkauf und den finanziellen Verlusten beim Frustverkauf war ich extrem vorsichtig geworden. Ich wollte nicht noch einmal viel Geld verbrennen. Mein Ziel war ein Setup, das nicht nur optisch maßgeschneidert auf meinen f/4 Newton abgestimmt war, sondern vor allem ein herausragendes Preis-Leistungs-Verhältnis bot.

Ich wählte gezielt folgende Komponenten aus:
- Kamera: ZWO ASI 715MC* – Mit ihren extrem winzigen Pixeln von nur 1,45 µm benötige ich keine extremen Vergrößerungsfaktoren mehr. Für Farbkameras gilt die Faustregel: Das ideale Öffnungsverhältnis berechnet sich aus dem Fünffachen der Pixelgröße in Mikrometern. Bei den 1,45 µm kleinen Pixeln der 715MC liegt das theoretische Optimum also bei ca. f/7,25.
- Barlowlinse: Skywatcher Nomad Telecentric 2x (2″ M48)* – Ein echtes telezentrisches 4-Linsen-System. Sie korrigiert den steilen f/4-Lichtkegel perfekt und bringt das Gesamtsystem exakt auf f/8.
- Filter: Günstige SVBony UV-IR Cut sowie ein IR-Pass Filter.
Astro-Wissen: Das Nyquist-Kriterium – Farb- vs. Monochrom-Kameras
Um das volle Auflösungsvermögen eines Teleskops auf den Sensor zu bringen, muss das Bild richtig „gesampelt“ werden. Hier unterscheidet die Optik strikt zwischen Schwarz-Weiß- (Mono) und Farbkameras (OSC):
- Schwarz-Weiß-Kameras: Jedes einzelne Pixel nutzt direkt das volle Licht. Als Faustregel gilt hier: Optimales Öffnungsverhältnis = 3- bis 4-mal die Pixelgröße in µm.
- Farbkameras (OSC): Auf dem Sensor liegt ein Farbraster (die sogenannte Bayer-Matrix aus Rot-, Grün- und Blaufiltern). Da die Aufnahmesoftware die Farben aus den Nachbarpixeln verrechnen muss (Debayering), geht etwas Schärfe verloren. Um diesen Verlust auszugleichen, muss man etwas stärker vergrößern. Die Faustregel für Farbkameras lautet daher: Optimales Öffnungsverhältnis = 5-mal die Pixelgröße in µm.
Bei den 1,45 µm kleinen Pixeln der ASI 715MC liegt das theoretische Optimum also bei f/7,25. Mit der 2x Nomad-Barlow lande ich bei f/8 – punktgenau am Ziel!
Schon in der allerersten Nacht mit dem neuen Setup folgte das Aha-Erlebnis: Auf dem Monitor erschien ein knackscharfer Saturn. Im Vergleich zum Desaster mit der 678MC waren das Welten!

In der darauffolgenden Nacht passte auch das Seeing, und die Aufnahmen reichten bereits erstaunlich nah an das heran, was ich damals mit meinem mächtigen 14″ Meade erreicht hatte. Die Cassini-Teilung zeichnete sich messerscharf ab, und die Wolkenbänder standen kontrastreich auf dem Monitor.

Fazit: Jeder Topf braucht seinen Deckel
Aus meiner monatelangen Odyssee habe ich eine wichtige Lektion gelernt: Es gibt in der Astronomie nicht das eine beste Equipment. Die teuerste Kamera und die am besten bewertete Barlow-Linse nutzen rein gar nichts, wenn die optische Physik dahinter nicht zum Teleskop passt.
Ein schneller f/4 Newton ist ein fantastisches Instrument, verzeiht bei der Wahl des Zubehörs aber keine Fehler. Er verlangt nach einem telezentrischen Linsensystem, um das Licht parallel auf den Sensor zu leiten. Kombiniert man das mit einer modernen Kamera mit kleinen Pixeln, braucht es keine gigantischen Brennweitenverlängerungen mehr, um fantastische Planetenbilder zu zaubern.
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Vielen Dank fürs Lesen und allzeit Clear Skies
Euer Dimi
Weiterführende Links:
- ZWO ASI 715MC*
- Skywatcher Nomad Telecentric 2x (2″ M48)*
- ZWO ASI 678MC (Color)*
- TeleVue Barlowlinse 2,5x Powermate 1,25″* (Telecentric für Newton)






















