Seit ZWO die Produktion des ursprünglichen Seestar S50 offiziell eingestellt hat und auf der NEAF den Nachfolger S50 Pro ankündigte, brennt eine Frage unter den Nägeln: Was leistet das neue Dual-Sensor-System in der Praxis? Während der alte Klassiker mit einem einzelnen Full-HD-Chip unterwegs war, spendiert ZWO der Pro-Variante gleich zwei 4K-Kameras für Hauptoptik und Weitwinkel.
Leider kann ich diese Frage zur realen Praxisleistung aktuell auch noch nicht beantworten – dafür müssen wir warten, bis die ersten Serien- oder Testgeräte auf dem Tisch stehen. Was ich aber jetzt schon exakt wissen wollte, ist das Gesichtsfeld der beiden verbauten Kameras. Ich habe mir daher die Hardwaredaten geschnappt und das System in Stellarium simuliert, um für mich durchzuspielen, welchen Bildausschnitt ich am Nachthimmel erwarten kann.
Die Hardware-Daten im Überblick
Damit sich die Sichtfelder präzise berechnen lassen, habe ich mir die optischen Daten der Linsen und die physischen Abmessungen der verbauten Sony-Sensoren herausgesucht:
Hardware-Spezifikationen: Tele-Optik (Hauptkamera)
- Brennweite: 250 mm (f/5, Quadruplet-Apochromat mit 4 Linsen)
- Sensor-Modell: Sony IMX585 (STARVIS 2 Technologie)
- Sensor-Format: 1/1.2″ CMOS
- Sensor-Abmessungen: 11,14 mm × 6,26 mm (Diagonale: 12,84 mm)
- Auflösung: 3840 × 2160 Pixel (8,3 Megapixel / 4K UHD)
- Pixelgröße: 2,9 µm × 2,9 µm
- Reales Sichtfeld (FOV): ca. 2,55° × 1,44°
Hardware-Spezifikationen: Widefield-Optik (Weitwinkel-Kamera)
- Brennweite: ca. 6,6 mm (rechnerisch abgeleitet aus 62° FOV, f/2.0)
- Sensor-Modell: Sony IMX586
- Sensor-Format: 1/2.0″ CMOS
- Sensor-Abmessungen: 6,40 mm × 4,80 mm (Diagonale: 8,00 mm)
- Auflösung: 3840 × 2160 Pixel (8,3 Megapixel native Auslesung im 4K-Modus)
- Pixelgröße: 0,8 µm (Quad-Bayer-Array, effektiv 1,6 µm im Binning)
- Reales Sichtfeld (FOV): ca. 56° 09′ × 43° 35′ (Diagonale ca. 68° bzw. rund 62° bis 68° je nach Projektion)
Der Weg zum realen Sichtfeld: So bin ich vorgegangen
Um die Gesichtsfelder einigermaßen realistisch abzubilden, habe ich den Weg über Stellarium genommen.
Schritt 1: Tele-Daten in Stellarium hinterlegen
In Stellarium kann man unter Einstellungen → Sensoren eigene Kameras anlegen. Dort habe ich die exakten Maße des Hauptsensors eingetragen:
- Breite: 11.14 mm
- Höhe: 6.26 mm
- Auflösung: 3840 x 2160
- Teleskop-Brennweite: 250mm
Unter dem Reiter Teleskope habe ich die Hauptoptik mit 250 mm Brennweite und einem Durchmesser von 50 mm angelegt. Die Verknüpfung beider Einträge ergibt für die Hauptkamera ein Sichtfeld von exakt 2° 33′ in der Breite und 1° 26′ in der Höhe (entspricht ca. 2,55° × 1,44°).
Schritt 2: Widefield-Daten in Stellarium hinterlegen
Für die Erfassung des Widefield-Moduls in Stellarium habe ich folgende Werte beim Sensor und der Optik hinterlegt:
- Breite: 6.40 mm
- Höhe: 4.80 mm
- Auflösung: 3840 x 2160
- Teleskop-Brennweite: 6.6 mm (rechnerisch ermittelt)
Die Kombination dieser Werte ergibt ein riesiges Sichtfeld mit einem diagonalen Bildwinkel von rund 62°.
Transparenz-Hinweis:
Die Brennweite der Hauptkamera gibt ZWO mit festen 250 mm an. Beim Widefield-Modul nennt der Hersteller primär den Bildwinkel von etwa 62°. Rechnet man diesen Winkel auf die physische Diagonale des Sony IMX586 (8,0 mm) um, ergibt sich für das Weitwinkel-Objektiv eine reale Brennweite von knapp 6,6 mm – was in der Fotografie etwa 32 bis 35 mm Kleinbild-Äquivalent entspricht.
Schritt 3: Der Praxis-Vergleich für die Hosentasche
Da ein Bildwinkel von 62° auf dem Papier recht abstrakt ist, habe ich nach einem einfachen Vergleich für den Alltag gesucht. Beim Ausprobieren mit meinem iPhone 13 Mini habe ich festgestellt, dass die Standard-Hauptkamera bei 1x Zoom mit etwa 26 mm Kleinbild-Äquivalent noch einen recht breiten Bildwinkel von rund 79° abdeckt. Wenn ich die Hauptkamera allerdings nutze und leicht auf 1,2x zoome, verengt sich der Bildausschnitt am Smartphone auf genau die passenden 65° bis 62°.
Astro-Wissen: Was bedeutet „Kleinbild-Äquivalent“?
Da Kamerasensoren in Smartphones winzig klein sind, besitzen ihre Linsen reale Brennweiten von nur wenigen Millimetern. Um die Bildausschnitte unterschiedlicher Kameras und Sensoren dennoch miteinander vergleichen zu können, rechnet man die Brennweite auf das klassische 35-mm-Kleinbildformat (Vollformat) um. Wenn eine Smartphone-Hauptkamera also 26 mm Kleinbild-Äquivalent besitzt, bedeutet das schlicht: Eine große Profi-Kamera müsste mit einem 26-mm-Objektiv bestückt werden, um exakt denselben Blickwinkel einzufangen.
Das Widefield-Auge des S50 Pro zeigt im Grunde genau den Ausschnitt, den man mit der gewohnten Smartphone-Hauptkamera bei leichtem Zoom (1,2x) am Himmel erfasst.
Was bedeutet das für die Astro-Aufnahmen? (Mit Bildbeispielen)
Die Kombination beider Optiken ist auf dem Papier der größte Trumpf der neuen Pro-Generation. Die beiden Systeme ergänzen sich am Himmel sehr gut:
1. Das Widefield-Sichtfeld (Smartphone-Vergleich bei ca. 1,2x Zoom)
Das Widefield-Modul liefert eine enorme Übersicht. Mit über 60° Bildwinkel passt hier nicht nur ein einzelnes Sternbild aufs Foto, sondern ein riesiges Areal des Nachthimmels.

- Einsatzzweck: Ideal für automatisches Framing, Sternen-Mosaike, die Orientierung am Nachthimmel sowie automatisierte Milchstraßen- und Polarlicht-Zeitraffer.
- Parallele Nutzung im Alltag: Ein echter Gewinn in der Praxis ist die simultane Aufnahmemöglichkeit. Während das Hauptteleskop stundenlang an einem Deep-Sky-Objekt belichtet und stackt, kann die Widefield-Kamera im Hintergrund völlig autark einen Zeitraffer der gesamten Nacht mitfilmen.
2. Das Hauptkamera-Sichtfeld (250 mm an IMX585)
Schalten wir auf die Hauptkamera um, verengen wir den Blickwinkel von über 60° auf 2° 33′ in der Breite und 1° 26′ in der Höhe (ca. 2,55° × 1,44°). Durch das Quadruplet-Design (4 Linsen) bleibt das Bild bis in die äußersten Ecken scharf und verzugsfrei.

- Einsatzzweck: Die Brennweite von 250 mm am IMX585-Chip ist der absolute „Sweetspot“ für großflächige Deep-Sky-Objekte. Beliebte Ziele wie der Andromedanebel (M31), die Plejaden (M45) oder der Nordamerika-Nebel (NGC 7000) passen wunderbar ins Bildfeld.
- Der direkte Vergleich zum alten Seestar S50: Wie extrem dieses Upgrade ausfällt, wird mir beim Blick auf den Orionnebel (M42) in Stellarium erst so richtig bewusst. Während der kleine IMX462-Sensor des ursprünglichen S50 mit seinem winzigen Bildausschnitt von nur ca. 0,73° × 0,41° im Grunde nur den hellen Kern des Nebels erfasst hat, bietet der IMX585 im S50 Pro mehr als die 10-fache Bildfläche. Der komplette Orionnebel samt dem benachbarten Running-Man-Nebel (NGC 1977) und den zarten Staubstrukturen passt jetzt ohne Mosaik-Funktion locker auf ein einziges Foto. Selbst wenn man das Bild des S50 Pro nachträglich auf den Bildausschnitt des alten S50 beschneidet (Crop), profitiert man von der besseren Optik und der moderneren STARVIS 2-Sensortechnologie mit höherer Dynamik.
Fazit
Das Seestar S50 Pro verspricht dank des Dual-Camera-Upgrades ein extrem flexibles Paket. Der größte Pluspunkt in der Praxis: Das System kann beide Kameras gleichzeitig nutzen. Während der IMX585-Sensor an den 250 mm Brennweite feine Deep-Sky-Details mit 4K-Auflösung einfängt, liefert das Widefield-System völlig autark den passenden Kontext als großflächige Übersicht oder zeitgleicher Zeitraffer. Durch den moderneren STARVIS 2 Sensor und die neue Quadruplet-Optik dürfte die Bildqualität gegenüber dem Vorgänger spürbar zulegen – selbst wenn man Aufnahmen nachträglich beschneidet. Ich bin gespannt, wie sich diese Kombination schlägt, sobald die ersten Praxisgeräte eintreffen.
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Vielen Dank fürs Lesen und allzeit Clear Skies
Euer Dimi




















