Vaonis Hyperia: Vision oder astronomische Preis-Utopie?

Vor knapp einem Monat berichtete ich an dieser Stelle über das Vaonis Hyperia und stellte die Frage, ob dieses 45.000 Euro teure Wunderwerk irgendwo zwischen Vision und „Verschwinden“ wandelt [Link]. Nun hat Vaonis die Karten teilweise auf den Tisch gelegt – und die Astronomie-Gemeinschaft dürfte sich die Augen reiben: Aus der ursprünglich doch recht üppigen Preisvorstellung ist ein Einstiegspreis von 99.000 US-Dollar geworden.

Bild: Vaonis.com

Die strategische Neuausrichtung

Mit der offiziellen Ankündigung [Hersteller-Link] hat sich nicht nur der Preis mehr als verdoppelt, sondern auch die gesamte Käuferschicht verschoben. Es war zwar nie zu erwarten, dass mit 45.000 Dollar der Massenmarkt erreicht werden sollte, aber das neue Hyperia wird nun explizit als „Professional Observatory“ vermarktet. Die Zielgruppe sind nicht mehr ambitionierte Hobby-Astronomen, sondern vielmehr Museen, Planetarien und exklusive Luxus-Resorts.

Vaonis bewirbt das System dabei primär als Gerät für das gemeinsame Erlebnis. Die Vision: Astronomie live für jedes Publikum per Streaming. Das Hyperia soll dabei völlig ohne fachmännische Bedienung auskommen. Der Fokus liegt klar auf dem Erzählen von Geschichten – das Teleskop erledigt im Hintergrund lautlos das Scharfstellen und die Bildverarbeitung, damit sich der Vorführer ganz auf seine Zuhörer konzentrieren kann. Im Grunde ist es also eher ein High-End-Präsentationswerkzeug als ein klassisches Forschungsinstrument.

Technische Superlative als Rechtfertigung?

Vaonis setzt alles auf eine Karte und kooperiert massiv mit Canon. Die technischen Daten lesen sich beeindruckend, rechtfertigen für Kenner aber kaum den Gegenwert eines Luxusautos:

  • Optisches System: Ein 150-mm-Apochromat, bestehend aus 17 Linsen, die von Canon-Ingenieuren entwickelt wurden. Diese enorme Linsenzahl ist für einen Refraktor höchst ungewöhnlich und deutet auf ein komplexes Korrektursystem hin, das Abbildungsfehler bis in die Ecken des Vollformatsensors eliminiert.
  • Vollformat-Power: Im Herzen verrichtet ein 45-Megapixel-Sensor seinen Dienst (wahrscheinlich aus der Canon EOS R5), der sogar Live-Streaming in extrem hohen Auflösungen ermöglicht.
  • Mechanik: Ein Direct-Drive-System ermöglicht Schwenkgeschwindigkeiten von 60 Grad pro Sekunde. Da der Motor direkt auf der Achse sitzt, gibt es kein mechanisches Spiel von Zahnrädern – das sorgt für eine extrem lautlose und präzise Nachführung.

Vom Designerstück zum Roboter-Observatorium

Nicht nur der Preis, auch das Äußere des Hyperia hat sich massiv gewandelt. Wer die ersten Entwürfe im Kopf hat, wird das aktuelle Modell kaum wiedererkennen. Das Gehäuse ist nun deutlich funktionaler und technischer gestaltet. Es wirkt weniger wie ein Möbelstück für das Wohnzimmer, sondern wie ein hochmoderner Roboter für die Sternwarte der Zukunft.

Besonders spannend (und diskussionswürdig) ist die neue Bodenplatte. Vaonis verspricht eine „verzögerungsfreie“ Ausrichtung – also ein sofortiges Leveln und absolute Vibrationsfreiheit im Handumdrehen. Bei einem Systemgewicht von rund 75 kg und den enormen Kräften, die beim schnellen Schwenken der Motoren entstehen, ist das ein mutiges Versprechen. Ob eine einfache Bodenplatte ein echtes Betonfundament ersetzen kann, muss die Praxis erst noch beweisen.

Technische Details im Überblick

Hier sind die Fakten, die ich bisher über das „neue“ Hyperia herausgefunden habe:

  • Öffnung: 150 mm (6 Zoll)
  • Brennweite: 600 mm (Öffnungsverhältnis f/4)
  • Sichtfeld (FOV): 3,30° × 2,20°
  • Optik: 150-mm-Apo mit 17 Linsen (Canon-Entwicklung)
  • Sensor: 45 MP Vollformat CMOS
  • Montierung: Azimutal mit Direct-Drive-Motoren
  • Geschwindigkeit: 60 Grad pro Sekunde
  • Nachführung: Integrierter elektronischer Bildfeldrotator
  • Filter-System: Integrierte Filterschublade für 2-Zoll-Standardfilter (M48)
  • Gewicht: ca. 75 kg (ohne Stativ)
Bild: Vaonis.com

Warum ist das Sichtfeld so wichtig? Mit 3,30° × 2,20° erreicht das Hyperia ein riesiges Feld am Himmel. Um das mal bildlich zu machen: Der Vollmond würde sechsmal nebeneinander in dieses Sichtfeld passen! Das ist vermutlich der eigentliche Grund für die 17 Linsen: Ein so weites Feld bei 150 mm Öffnung und gleichzeitig perfekter Schärfe bis zum Rand ist optisch extrem schwer zu bauen. Das Hyperia ist also ganz klar auf beeindruckende Übersichtsfotos (Widefield) getrimmt, damit die Andromeda-Galaxie oder der Orion-Nebel komplett auf ein Bild passen.

Exklusivität statt Zugänglichkeit

Der ursprüngliche Slogan von Vaonis, die Astronomie zugänglicher zu machen, wird beim Hyperia ins Gegenteil verkehrt. Während Modelle wie das Vespera [Astroshop-Link] den Massenmarkt bedienen, ist das Hyperia nun das „Bugatti“ der Sternenfotografie.

Besonders kritisch ist die Einordnung als „Observatory“ zu sehen. Für den Preis eines Hyperia könnte man sich alternativ eine komplette Sternwarte mit einem 20-Zoll-Spiegelteleskop (500 mm Öffnung) inklusive Kuppel und professioneller parallaktischer Montierung bauen – und hätte vermutlich noch Budget für Jahre der Wartung übrig. Während das Hyperia die Bildfeldrotation mühsam elektronisch ausgleichen muss, bietet eine echte Sternwarte deutlich mehr Lichtsammelvermögen und Flexibilität.

Fazit

Das Hyperia ist kein Gadget mehr, es ist ein Statement. Ob sich genügend Institutionen oder Millionäre finden, die bereit sind, diesen Preis zu zahlen, wird die Zukunft zeigen. Das „Wunderwerk“ ist nun endgültig in Regionen entschwebt, die für normale Sternfreunde unerreichbar bleiben. Ob Luxus-Hotels wirklich den klaren Himmel für einen beeindruckenden Schnappschuss garantieren können, bleibt ebenfalls fraglich.

Vielen Dank fürs Lesen und bis bald.

Dimi

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