NGC 5905 und NGC 5908: Ein Blick in die Zukunft unserer Heimat

Über diese Objekt

Manchmal hält das Universum uns einen Spiegel vor. Wenn wir im Sternbild Drache das Galaxienpaar NGC 5905 und NGC 5908 ins Visier nehmen, blicken wir auf Objekte, die mit einer scheinbaren Größe von nur etwa 5 Bogenminuten und einer Helligkeit von über 12 mag fast unscheinbar wirken. Dass sie in der Astrofotografie mit nur knapp 300 Einträgen auf Astrobin eher ein Schattendasein fristen, wird ihrer Bedeutung eigentlich nicht gerecht. Denn dieses Duo ist nichts Geringeres als das fast perfekte optische und physikalische Spiegelbild unseres eigenen Systems aus Milchstraße und Andromeda.

Identifizierung im Feld: NGC 5905 (unten, Face-on) und NGC 5908 (oben, Edge-on) im Sternbild Drache.

Das kosmische „Was-wäre-wenn“

Stellen wir uns vor, Außerirdische würden aus einer Entfernung von rund 150 Millionen Lichtjahren mit einem Teleskop in unsere Richtung blicken. Sie sähen beinahe exakt dieses geometrische Setup, das wir hier auf meinem Bild sehen: Zwei gewaltige Spiralgalaxien, die in einem fast perfekten rechten Winkel zueinander im Raum stehen.

Dabei übernimmt NGC 5905 die Rolle unserer Milchstraße. Sie ist eine klassische Balkenspirale mit einem beeindruckenden Durchmesser von etwa 175.000 bis 190.000 Lichtjahren. Ihr gravitativer Partner, NGC 5908, entspricht mit ca. 150.000 Lichtjahren fast der Größe der Andromeda-Galaxie (M31).

Infokasten: Was heißt hier eigentlich Rotationsachse?

Um die Lage einer Galaxie im Raum zu verstehen, muss man ihre Rotationsachse betrachten. Jede Spiralgalaxie ist im Grunde eine flache Scheibe, die um ein Zentrum rotiert.

  • Die Achse: Die Rotationsachse steht immer senkrecht (im 90°-Winkel) auf der galaktischen Ebene (der „Scheibe“).
  • Winkel zum Beobachter: Die Neigung dieser Achse relativ zu unserer Sichtlinie bestimmt das Erscheinungsbild. Zeigt die Achse auf uns, sehen wir die Galaxie von oben (Face-On). Liegt die Achse quer zu uns, blicken wir auf die Kante (Edge-On).
  • Relativität im Raum: Wenn zwei benachbarte Galaxien – wie in diesem Fall – einmal als Edge-On und einmal als Face-On erscheinen, bedeutet das mathematisch, dass ihre jeweiligen Rotationsachsen im intergalaktischen Raum fast rechtwinklig zueinander stehen. Dieses spezifische geometrische Setup teilen sie sich mit dem System Milchstraße-Andromeda.

Warum „beinahe“ perfekt? Ein Blick in die Zukunft

Der einzige wesentliche Unterschied zu unserem lokalen System liegt im Abstand. Während Andromeda uns mit 2,5 Millionen Lichtjahren noch vergleichsweise fern ist, sind sich NGC 5905 und 5908 bereits viel näher gekommen. Sie trennen nur noch etwa 500.000 Lichtjahre.

Sie zeigen uns damit unsere eigene Zukunft in etwa 4 Milliarden Jahren. Zu diesem Zeitpunkt werden die Gezeitenkräfte beider Galaxien bereits massiv interagieren. Das Duo im Drachen ist also quasi eine Zeitmaschine, die uns zeigt, wie unser Nachthimmel aussehen wird, kurz bevor die große Verschmelzung zu einer gigantischen elliptischen Galaxie beginnt. Rein vom Gefühl her würde ich behaupten, dass wir dann genau so aussehen würden – da uns Andromeda ja gefühlt schon heute „soooo nahe“ steht.

Der direkte Vergleich

MerkmalMilchstraße & AndromedaNGC 5905 & NGC 5908
Partner 1 (Typ)Balkenspirale (Milchstraße)Balkenspirale (NGC 5905)
Durchmesser P1ca. 170.000 – 200.000 Ljca. 175.000 – 190.000 Lj
Partner 2 (Typ)Spirale (Andromeda)Spirale (NGC 5908)
Durchmesser P2ca. 220.000 Ljca. 150.000 Lj
Geometrisches SetupAchsen ca. 90° zueinanderAchsen ca. 90° zueinander
Physikal. Abstandca. 2,5 Mio. Lichtjahreca. 0,5 Mio. Lichtjahre
StatusAnnäherung läuftGezeiteneffekte beginnen

Hintergrund und wissenschaftliche Details

  • Fehlen von Gezeitenschweifen: Trotz des geringen Abstands von nur 500.000 Lichtjahren weisen weder NGC 5905 noch NGC 5908 ausgeprägte Gezeitenschweife (Tidal Tails) im sichtbaren Spektrum auf. Dies deutet darauf hin, dass die Galaxien auf einer sehr stabilen Bahn interagieren, die noch keine massiven stellaren Ströme aus den Scheiben gerissen hat.
  • Dunkle-Materie-Dominanz (Die Andromeda-Signatur): Messungen der Rotationskurve von NGC 5908 zeigen eine extrem hohe Umlaufgeschwindigkeit der äußeren Sterne. Genau wie bei der Andromeda-Galaxie deutet dies auf einen massiven Halo aus Dunkler Materie hin. Während unsere Milchstraße bereits massiv von Dunkler Materie dominiert wird, scheint NGC 5908 – ganz wie M31 – in Sachen gravitativer Stabilität noch eine Schippe draufzulegen, was ihre Rolle als Andromeda-Klon physikalisch bestätigt.
  • Aktive Galaxienkerne (AGN) & Schwarze Löcher: In NGC 5905 wurde 1996 ein „Tidal Disruption Event“ (TDE) beobachtet. Ein Stern kam dem zentralen, supermassereichen Schwarzen Loch zu nahe und wurde zerrissen. Dies bestätigt die Existenz eines „schlafenden“ Giganten im Zentrum dieser Milchstraßen-Analogie, ähnlich wie unser eigenes Sgr A*.
  • Luminosität vs. Geometrie: Obwohl NGC 5908 optisch kleiner wirkt, ist ihre absolute Helligkeit vergleichbar mit NGC 5905. Die Edge-On-Lage führt lediglich zu einer hohen Lichtabsorption durch das prominente Staubband, was die physikalische Wucht der Galaxie visuell maskiert.
  • Aktive Galaxienkerne (AGN) & Schwarze Löcher: In NGC 5905 wurde 1996 ein „Tidal Disruption Event“ (TDE) beobachtet. Dabei kam ein Stern dem zentralen, supermassereichen Schwarzen Loch zu nahe und wurde durch dessen enorme Gezeitenkräfte regelrecht zerrissen (Spaghettisierung). Das dabei aufleuchtende Gas bestätigte die Existenz eines „schlafenden“ Giganten im Zentrum dieser Milchstraßen-Analogie, ganz ähnlich wie unser eigenes Sgr A*.

Objekt Details

Katalognummer(n):NGC 5905
NGC 5908
Typ:Balkenspiralgalaxie
Spiralgalaxie
Entfernung:ca. 160 Mio Lj.
ca. 155 Mio Lj
Ausdehnung:ca. 175.000 – 190.000 Lj
ca. 150.000 Lj
scheinbare Helligkeit:ca. 11,7 mag
ca. 12,1 mag
Sternbild:Drache

Über diese Aufnahme

Die Aufnahme entstand in der Nacht des 18. März 2026 – astronomisch gesehen unter Idealbedingungen. Da der Neumond unmittelbar bevorstand, bot der tiefschwarze Himmel den nötigen Kontrast, um die extrem geringe Flächenhelligkeit dieser beiden Galaxien überhaupt erst auf den Sensor zu bannen.

Bei einer scheinbaren Helligkeit von etwa 11,7 bis 12,1 mag sind NGC 5905 und 5908 eine echte Herausforderung. Um genügend Signal-Rausch-Verhältnis für die feinen Spiralarme und das markante Staubband zu sammeln, habe ich insgesamt 207 Einzelbelichtungen à 120 Sekunden angefertigt. Das entspricht einer Gesamtbelichtungszeit von knapp 7 Stunden (6h 54m).

Um die natürliche Farbwiedergabe der Galaxien nicht zu verfälschen und die volle Lichtausbeute zu nutzen, kam lediglich ein UV/IR Cut Filter zum Einsatz. Trotz der beachtlichen Brennweite meines TS-N-AG10 wirken die Objekte im weiten Feld fast winzig – ein eindrucksvoller Beweis dafür, wie tief wir hier in den extragalaktischen Raum vordringen.

Aufnahme Details

Datum:18. 03. 2026
Teleskop:TS-Optics 10″ Astrograph*
Montierung:PetrusII (Eigenbau)
Kamera:Svbony SV405CC (Amazon🛒)
Filter:Astronomik Luminanz UV-IR-Blockfilter L-2 2″*
Zubehör:TS-Optics N-AGK3 Komakorrektor*
Aufnahmezeit :6 h 54 m (207x120s)
Anmerkung:

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