Eigentlich begann alles schon mit dem Kauf des TS N-AG10 und diesem unguten Gefühl beim ersten Scharfstellen. Mit meiner Astrokamera, der SV405CC, kam der Okularauszug (OAZ) selbst voll ausgefahren nicht einmal ansatzweise in den Fokus. Neben diesem Patzer gab es noch weitere Baustellen, die einem 5000 € Newton meiner Meinung nach nicht würdig sind – aber dazu vielleicht an anderer Stelle mehr. Nach etlichen Reklamationen erhielt ich immerhin eine M82x1 Verlängerung, mit der ich es im fast voll ausgefahrenen Zustand gerade so in den Fokus schaffte.
Dennoch lag mir dieser Zustand jahrelang schwer im Magen. Der wuchtige 3-Zoll-Komakorrektor bringt allein fast ein Kilo auf die Waage (700g ohne Verschraubungen und Adapter). Zusammen mit dem restlichen Image-Train entstand ein ordentlicher Hebelarm, der massiv am Auszugsrohr zerrte. Wie instabil das Ganze war, zeigte ein einfacher Test: Wenn ich die Kamera zwischen Daumen und Zeigefinger nahm, konnte ich das Auszugsrohr schon bei mäßigem Druck spürbar bewegen. Dass hier bei langen Belichtungen Verkippungen vorprogrammiert waren, liegt auf der Hand.

Zwar ließ sich die Vorspannung am ansonsten ordentlich verarbeiteten TS-Optics 3 Zoll V-Power Auszug erhöhen, doch dann fing er an zu hakeln. Ich hatte schon lange den Plan, eine weitere Verlängerung zu besorgen. Das hätte zwar den Hebel nicht verkürzt, aber das Auszugsrohr hätte nicht mehr so weit aus dem Gehäuse ragen müssen und somit deutlich mehr Führung und Stabilität gehabt. Ich verwarf den Gedanken jedoch immer wieder, da die Probleme im Großen und Ganzen beherrschbar schienen.
Die Nacht der Wahrheit
Erinnert wurde ich an dieses Defizit in einer der wenigen klaren Nächte, als meine 120-Sekunden-Rohdaten trotz penibler Justage wieder einmal aufgeblähte und länglich verformte Sterne zeigten. Und das ausgerechnet bei der Whirlpool-Galaxie, die ich endlich abschließen wollte (siehe dazu meinen Artikel „Wenn das Setup zickt…“).
Besonders irritierend dabei: Bei einem Testschwenk auf die Plejaden, die zu diesem Zeitpunkt fast auf der gegenüberliegenden Seite des Himmels standen, war die Verzerrung deutlich weniger ausgeprägt. Dieser Unterschied war ein klares Indiz dafür, dass die Verformung lageabhängig war – ein typisches Zeichen für mechanische Instabilität im Image-Train oder ein Verkippen des Spiegels.

Es musste also abseits der normalen Kollimation etwas im Argen liegen. Das brachte mich dazu, einen radikaleren Plan zu überdenken: Das Versetzen der Hauptspiegelzelle. Eigentlich hatte ich diesen Vorschlag schon während des Kaufs, beziehungsweise während meiner vielen Reklamationen eingebracht, da mir das weite Ausfahren des OAZ nicht geheuer war. Man versicherte mir jedoch, dass dies dem Auszug nicht schaden würde und völlig unproblematisch sei. Damit war für mich die Sache vorerst erledigt und ich verwarf den Gedanken wieder – bis zu diesem Moment.
Der Tubus meines N-AG10 besitzt am unteren Ende für die Hauptspiegelzelle glücklicherweise mehrere Bohrungen in der Längsachse. Ab Werk war die Zelle in der mittleren Position verschraubt. Mein Plan war nun, die Zelle endlich in die hinterste Position zu versetzen. Dadurch rückt der Brennpunkt weiter nach innen, sodass der OAZ nicht mehr wie ein instabiler Kranarm im Wind stehen muss.
Der eigentliche Umbau sollte jedoch noch ein paar Tage warten müssen. An einen Abbruch der laufenden Session war nicht zu denken! Klare Nächte sind einfach zu kostbar, um sie ungenutzt verstreichen zu lassen – also zog ich die Aufnahmen erst einmal durch, auch wenn ich dabei ein flaues Gefühl im Magen hatte.

Operation am Esszimmertisch
Ein paar Tage später war es so weit: Der Newton lag auf dem Esszimmertisch, und nach wenigen Handgriffen hatte ich die Hauptspiegelzelle vor mir.

Als ich das Bauteil genauer untersuchte, folgte die nächste Überraschung: Der Hauptspiegel hatte absolut kein Spiel in seiner Fassung. Es wirkte fast so, als wäre er in seiner Halterung festgekebt.
Das wäre eine plausible Erklärung für die schlechte Sternabbildung. Ein derart fixierter Spiegel neigt zu Spannungsastigmatismus, was das seltsame, über das gesamte Bildfeld identische Fehlerbild erklären würde. Die Lösung schien simpel, erforderte aber Fingerspitzengefühl: Die Halteklammern lockern, den Spiegel neu ausrichten und die Klammern mit genau dem richtigen Maß an „Luft“ wieder fixieren. Es ist eine feine Balance – der Spiegel muss frei liegen, um Spannungen zu vermeiden, darf aber beim Schwenken des Teleskops natürlich nicht in der Zelle wandern.
Ich nutzte den alten Astrofotografen-Trick – Das „Visitenkarten-Spiel“. Eine Visitenkarte sollte sich gerade noch saugend zwischen Halter und Spiegel schieben lassen.

Nachdem das erledigt war, wanderte die Zelle in die hinterste Position der Tubus-Bohrungen.

Justage mit dem OcalPro: Digitale Präzision
Nach so einem massiven mechanischen Eingriff war die optische Achse natürlich komplett im Eimer. Für die Neujustage setzte ich auf den OcalPro V2. Dieser digitale Kollimator erlaubt es, die optische Achse direkt am Monitor zu kontrollieren und präzise auf den Kamerasensor auszurichten. Diese Methode ist bedeutend genauer als die Justage mit einem einfachen Laser, da man hier das gesamte System inklusive Verkippungen im Blick hat.
Bei der Durchführung orientiere ich mich an der Herangehensweise meines geschätzten Astro-Kollegen Daniel Nimmervoll. Er hat in seinen Videos (wie zum Beispiel hier) eindrucksvoll gezeigt, wie man durch die Deckungsgleichheit der Fangspiegelstreben und der Mittenmarkierung eine Präzision erreicht, die visuell kaum machbar wäre. Zwar ist die Arbeit mit der älteren V2-Version aufgrund des geringen Fokusbereichs und der niedrigeren Lichtempfindlichkeit im Vergleich zur neuen V4 etwas mühsam, aber das Ergebnis ist für eine perfekte Abbildung einfach unerlässlich.
Infobox: Laser vs. Digitaler Kollimator (OcalPro)
Viele Einsteiger fragen sich: „Reicht ein Justierlaser nicht aus?“ Die Antwort lautet: Für eine schnelle Kontrolle zwischendurch ja, für die Astrofotografie mit großen Sensoren oft nein. Hier sind die wesentlichen Unterschiede:
- Der Justierlaser (Punkt-Messung): Ein Laser projiziert lediglich einen Lichtstrahl. Er zeigt dir zwar, ob die Mitte des Hauptspiegels getroffen wird, aber er „sieht“ nicht die Geometrie des Fangspiegels. Er erkennt nicht, ob der Fangspiegel in sich verdreht ist oder leicht versetzt (Offset) unter dem Auszug sitzt. Zudem kann ein verkippter Laser im Okularauszug eine falsche Justage vorgaukeln.
- Der digitale Kollimator (Flächen-Messung): Geräte wie der OcalPro arbeiten wie eine Kamera mit Weitwinkel-Charakteristik. Man sieht das gesamte Innenleben des Teleskops als konzentrische Kreise am Monitor.
- Mechanische Kontrolle: Man erkennt sofort, ob der Fangspiegel wirklich kreisrund und mittig erscheint.
- Referenzpunkte: Durch das Einblenden von Hilfslinien (wie in der Methode von Daniel Nimmervoll beschrieben) können die Fangspiegelstreben als mechanische Referenz genutzt werden.
- Präzision: Man kollimiert direkt auf die Chipebene, wodurch mechanische Verkippungen im Image-Train viel eher auffallen als bei einem einfachen Laserpunkt.
Der Moment der Wahrheit
In der nächsten klaren Nacht fuhr ich erneut M51 an. Der Unterschied bei fokussierter Optik war sofort sichtbar: Der OAZ ragt nun nicht mehr 38 mm aus dem Gehäuse, sondern nur noch knapp 10 mm. Alles wirkt deutlich massiver. Ein Wackeln mit Daumen und Zeigefinger am Auszug ist nicht mehr fühlbar! Der benötigte Kraftaufwand, um überhaupt eine minimale Bewegung zu provozieren, ist nun um ein Vielfaches höher. Neben dem verkürzten Hebelweg am Newton zahlt sich hier auch die Justage des Getriebespiels an meiner Montierung aus, die ich erst kürzlich mit Schraubzwingen und viel Geduld wieder auf Kurs gebracht habe [Link: Wenn das Setup zickt…]. Beides zusammen sorgt dafür, dass das System nun wie eine stabile Einheit arbeitet.

Um ein echtes Fazit ziehen zu können, habe ich eine weitere 120-Sekunden-Aufnahme bei laufendem Guiding gemacht – exakt unter den gleichen Bedingungen (Objekthöhe und Richtung) wie wenige Tage zuvor. Der Unterschied ist gewaltig:




Nicht nur die Eiersterne sind verschwunden, auch Schärfe und Kontrast haben spürbar zugelegt.
Die Arbeit hat sich gelohnt
Es ist natürlich ein wenig ärgerlich, dass ein Großteil meiner Belichtungszeit für M51 auf den „alten“ Stand entfallen ist. Das bedeutet wohl: Ich muss das Projekt M51 abermals wiederholen. Anscheinend ist das eine unendliche Geschichte zwischen mir und der Whirlpool-Galaxie. Aber dieser Umbau hat mir einmal mehr gezeigt, wie wichtig es ist, mechanische Probleme direkt an der Wurzel zu packen.
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Vielen Dank fürs Lesen und allzeit Clear Skies!
Euer Dimi




















