Die Omegon Pro HM31: Neuer Herausforderer oder nur ein kurzes Gastspiel?

Wer meinen Blog liest, weiß, dass ich durch und durch Heimgucker bin. Klar ist der Himmel woanders dunkler, aber der Komfort meiner kleinen Sternwarte Kosmotheion direkt vor der Haustür ist für mich einfach unschlagbar.

Trotz fester Betonsäule samt stabiler Eigenkonstruktion schaue ich mich deshalb immer wieder gerne auf dem Markt um. Man kann ja nie wissen. Bei meiner letzten Suche nach Montierungen mit über 15 kg Tragkraft bin ich über ein neues Modell gestolpert, das mein Interesse sofort geweckt hat: die Omegon Pro HM31 EQ/AZ*.

Wer hätte das gedacht! In einer Zeit, in der gefühlt fast alle über die AM-Serie von ZWO sprechen und etablierte Marken wie PegasusAstro (NYX-88 Harmonic*) oder Sky-Watcher (WAVE-150i Strainwave GoTo Wi-Fi*) mitmischen, schickt auch Omegon ein eigenes Modell ins gehobene Segment. Ich habe also versucht, mich tiefer in die technischen Daten einzufuchsen und das Ganze mit der aktuellen Konkurrenz zu vergleichen.

Die 15- bis 20-Kilo-Klasse im Überblick

Um die HM31 preislich und technisch richtig einordnen zu können, habe ich mir die wichtigsten Daten der aktuellen Mitbewerber im Strainwave-Segment einmal nebeneinandergelegt.

ModellTraglast (ohne GW)EigengewichtAntriebssystemSteuerungRichtpreis
Omegon Pro HM31 EQ/AZ17 kg4,0 kgClosed-Loop mit EncodernOnStep (Handbox, App, PC)~2.990 €
ZWO AM5N15 kg (20 kg mit CW)5,5 kgOpen-Loop SchrittmotorASIAIR, ZWO App, N.I.N.A.~2.550 €
Pegasus Astro Nyx-10120 kg4,4 kgStandard SchrittmotorWebserver, ASCOM, N.I.N.A.~3.150 €
Sky-Watcher Wave 150i15 kg (25 kg mit CW)5,8 kgStandard SchrittmotorSynScan App, N.I.N.A.~2.350 €

Astro-Wissen: Schrittmotoren – Open-Loop vs. Closed-Loop

In modernen Montierungen kommen verschiedene Arten der Motorsteuerung zum Einsatz. Der Unterschied liegt vor allem darin, ob die Elektronik eine Rückmeldung über die tatsächliche Motorbewegung bekommt:

  • Standard Schrittmotor / Open-Loop: Der Name sagt es schon: Der Regelkreis ist „offen“. Die Steuerung schickt Impulse an den Motor („drehe dich um 100 Schritte“) und geht davon aus, dass der Motor das auch tut. Bleibt der Motor durch ein gezogenenes Kabel, eine Unwucht oder Windstau stecken, merkt die Steuerung das nicht. Die Folge: Schrittverlust und eine verstellte Ausrichtung (GoTo passt nicht mehr).
  • Closed-Loop (Geschlossener Regelkreis): Hier sitzt direkt an der Motorwelle ein einfacher Sensor (Encoder). Dieser meldet an die Steuerung zurück, ob sich der Motor wirklich gedreht hat. Blockiert etwas, registriert die Elektronik die Abweichung sofort und steuert nach oder schlägt Alarm. Schrittverluste sind damit praktisch ausgeschlossen.

Wichtig: Ein Closed-Loop-System korrigiert nur den Motor selbst, gleicht aber keine Getriebefehler oder die Bewegung des Himmels aus – dafür ist nach wie vor Guiding oder ein Achsen-Encoder nötig.

Die Versprechungen

Liest man sich die Beschreibungen durch, klingen die technischen Vorzüge der HM31 erst einmal super. Grund genug für mich, die wichtigsten Aussagen aufzugreifen und zu hinterfragen, was davon im echten Astrofotografen-Alltag wirklich übrig bleibt.

„Kurzer Abstand zwischen RA-Achse und Prismenklemme“

Astroshop hebt den kurzen Abstand zwischen der RA-Achse und der Prismenklemme als Vorteil hervor. Das ist physikalisch zwar richtig, aber wenn man ehrlich ist, gilt das für die gesamte Klasse der Strainwave-Montierungen. Egal ob ZWO AM5, Sky-Watcher Wave 150i oder eben die HM31 – durch die Wellgetriebe bauen alle diese Systeme extrem kompakt auf.

Astroshop hebt den kurzen Abstand zwischen der RA-Achse und der Prismenklemme als Vorteil hervor. Das ist physikalisch zwar richtig, aber wenn man ehrlich ist, gilt das für die gesamte Klasse der Strainwave-Montierungen. Egal ob ZWO AM5, Sky-Watcher Wave 150i oder eben die HM31 – durch die Wellgetriebe bauen alle diese Systeme extrem kompakt auf.

Der Hebelarm ist aber im Vergleich zu klassischen Montierungen deutlich kürzer, was der Steifigkeit bei Wind und schweren Tuben grundsätzlich guttut. Ob die HM31 hier im direkten Vergleich zur Konkurrenz tatsächlich noch ein paar Millimeter einspart, lässt sich ohne genaue Daten oder ein Nebeneinanderstellen allerdings schwer beweisen.

Closed-Loop-Motoren mit Encodern: Wie genau sind sie wirklich?

Laut Beschreibung überwacht die Motorsteuerung alle Bewegungen über Encoder sehr genau und weiß jederzeit, an welcher Position sie sich befindet.

Solche Encoder kenne ich noch aus meiner alten Meade LX200R, aber auch von Flaggschiffen wie einer 10Micron* oder der Sky-Watcher EQ8-RH*. Bei der alten LX200R dienten einfache Encoder einzig und alleine dazu, der Steuerung nach einem manuellen Drehen die ungefähre Orientierung mitzuteilen. Bei einer 10Micron oder einer EQ8-RH sitzen dagegen extrem hochauflösende Absolut-Encoder direkt auf den Hauptachsen, um Nachführfehler in Echtzeit ohne Autoguider auszugleichen.

Astro-Wissen: Wie funktionieren Encoder bei Montierungen?

Ein Encoder ist ein optischer oder magnetischer Sensor, der Winkelbewegungen misst.

Motor-Encoder (Closed-Loop): Sitzen direkt an der Welle des Motors. Sie messen, ob der Motor die befohlenen Schritte tatsächlich ausführt. Wandert das Teleskop oder zieht ein Kabel, merkt die Elektronik den Schrittverlust und korrigiert ihn sofort nach.

Achsen-Encoder (On-Axis / Absolute Encoder): Sitzen direkt an den Achsen des Teleskops hinter dem Getriebe. Sie messen die tatsächliche Ausrichtung am Himmel extrem hochauflösend und können selbst feinsten Getriebeleerlauf oder periodische Schneckenfehler ausgleichen.

Reicht das für langes Belichten ohne Guiding?

Nein, davon ist nicht auszugehen. Bei der HM31 handelt es sich um geschlossene Motor-Encoder (Closed-Loop) an den Schrittmotoren selbst und nicht um hochauflösende Absolut-Encoder direkt auf den Hauptachsen. Sie verhindern zwar extrem zuverlässig, dass die Motoren Schritte verlieren (etwa wenn im Dunkeln ein Kabel spannt), bügeln aber nicht den konstruktionsbedingten periodischen Fehler des Strainwave-Getriebes aus. Ein Autoguider bleibt für lange Deep-Sky-Belichtungen also weiterhin Pflicht. Gegenüber einer Standard-EQ6 oder einer ZWO AM5 ist das Closed-Loop-System der HM31 zwar spürbar moderner und schützt effektiv vor Schrittverlusten, an das Niveau einer EQ8-RH mit ihrem hochpräzisen Renishaw-Achsenencoder oder gar einer 10Micron reicht sie bauartbedingt aber nicht heran.

Ein echtes Alleinstellungsmerkmal in dieser Klasse

Beim Blick auf die Mitbewerber wird der technische Vorteil der HM31 schnell deutlich: Weder die ZWO AM5N noch die Sky-Watcher Wave 150i oder die Pegasus Astro Nyx-101 besitzen Encoder – sie arbeiten alle im Open-Loop-Betrieb. Bleibt dort im Dunkeln ein Kabel hängen oder blockiert etwas, verliert der Motor Schritte und das GoTo ist hinüber. Dass Omegon die HM31 auf beiden Achsen (RA und DEC) mit geschlossenen Regelkreisen (Closed-Loop) ausgestattet hat, ist in dieser Preis- und Gewichtsklasse ein echtes Alleinstellungsmerkmal. Es sorgt für ein synchrones Anfahren und verhindert Positionierfehler zuverlässig.

Astro-Wissen: Was bringen Closed-Loop-Encoder in der Praxis?

1. Kabelzug oder Hindernis im Dunkeln

  • Die Steuerung merkt die Blockade sofort: Die Motor-Encoder registrieren, dass sich die Welle trotz Impuls nicht wie berechnet dreht.
  • Schutz & Korrektur: Bei leichten Widerständen regelt die Steuerung nach. Wenn die Blockade fest ist, schaltet das System ab, um Motorschäden zu verhindern, anstatt blind Schritte zu verlieren.
  • Kein neues Alignment nötig: Sobald das Hindernis beseitigt ist, kennt die Montierung ihre exakte Position weiterhin auf den Schritt genau. Das GoTo sitzt sofort wieder.

2. Was passiert bei Wolken?

  • Hier greifen die Encoder nicht ein, da Wolken ein optisches und kein mechanisches Thema sind. Die Montierung führt stur mit siderischer Geschwindigkeit weiter nach. Verliert PHD2 wegen Wolken den Leitstern, stoppt eine Aufnahmesoftware wie N.I.N.A. die Belichtung. Sobald der Himmel aufklart, greift der Guider wieder ein – die Encoder der Montierung müssen hier nichts korrigieren.

Gibt es Strainwave-Montierungen für ungeführtes Belichten?

Ja, die gibt es durchaus – allerdings in einer ganz anderen Liga. Hersteller wie RainbowAstro verbauen bei Modellen wie der RST-135E* extrem hochauflösende Renishaw-Absolut-Encoder direkt auf der Hauptachse. Aber auch iOptron bietet mit der HEM44 EC* ein Modell mit Achsen-Encoder an. Diese Sensoren messen die tatsächliche Achsdrehung hinter dem Getriebe und gleichen den periodischen Fehler in Echtzeit aus, was langes Belichten ganz ohne Autoguider erlaubt.
Der Haken: Solche Achsen-Encoder treiben den Preis massiv nach oben. Selbst bei iOptron zahlt man für den Encoder auf der RA-Achse rund 1.200 € Aufpreis – und hat auf DEC weiterhin ein klassisches Schneckengetriebe. Möchte man vollwertige Strainwave-Getriebe samt Achsen-Encodern auf beiden Achsen wie bei RainbowAstro, bewegt man sich schnell in Regionen von 6.000 € und mehr.

Omegon geht bei der HM31 einen pragmatischen Mittelweg: Sie schützt dank der Motor-Encoder vor Schrittverlusten, bleibt preislich im Rahmen, verlangt für lange Deep-Sky-Aufnahmen aber weiterhin nach einem Autoguider.

Punkte, die meine Recherche noch nicht klären konnte

So aufschlussreich die technischen Daten auch sind, bei manchen Detailfragen stößt man beim Lesen der Produktbeschreibungen schnell an Grenzen.

  • Bilder und Details zum Handcontroller: Während viele moderne Strainwave-Montierungen heute komplett auf eine Handbox verzichten und zwingend ein Smartphone verlangen, bringt die HM31 eine autarke OnStep-Handsteuerung mit. Schaut man sich die Produktfotos im Shop ganz genau an (Link), lässt sich im oberen Drittel der Handbox – zumindest ist das meine reine Hypothese anhand des Bildes – ein kleines OLED-Display erkennen. Da ein klassischer Ziffernblock fehlt, vermute ich, dass man sich über die Tasten durch ein Scroll-Menü auf dem Bildschirm navigieren muss. Ob sich diese Vermutung bestätigt und wie komfortabel diese Menüführung im nächtlichen Praxiseinsatz tatsächlich ist, lässt sich anhand des Fotos allerdings noch nicht abschließend beurteilen.
  • Wie sieht die maximale Traglast mit Gegengewichten aus? Offiziell werden von Omegon dazu leider keine konkreten Zahlen genannt, im Datenblatt steht lediglich die Angabe von 17 kg ohne Gegengewicht. Vergleicht man die HM31 jedoch mit ähnlich aufgebauten Strainwave-Montierungen dieser Leistungsklasse, über die in Astro-Foren bereits intensiv diskutiert wird, lässt sich von einer geschätzten Maximallast von etwa 22 kg mit Gegengewicht ausgehen. Dass eine Gegengewichtsstange die Mechanik und das Drehmoment bei schwerem Setup spürbar entlastet, ist physikalisch völlig klar. Auf der Händlerseite wird bisher allerdings noch nicht aufgeschlüsselt, welches Gewinde die Stange nutzt und was passende Gewichte im Nachkauf kosten.
  • Anbindung an N.I.N.A., Stellarium und Co.: Wer seine Ausrüstung am PC, Mac oder der ASIAIR steuert, ist bei der HM31 bestens aufgehoben. Da sie auf dem quelloffenen OnStep-Standard basiert, greift sie auf etablierte Standardtreiber zurück. Die Einbindung unter Windows via ASCOM, unter Linux und macOS über INDI sowie auf der ASIAIR direkt über das OnStep-Profil sollte somit völlig problemlos gelingen.

Mein persönlicher Eindruck

Die Omegon HM31 wirkt wie ein sehr durchdachtes Stück Technik für alle, die ein offenes System ohne Herstellerbindung suchen und auf geschlossene Regelkreise setzen wollen. Dennoch bleibt der Kauf in diesem Preissegment nicht ganz ohne Risiko. Preislich liegt die HM31 doch spürbar höher als manche Mitbewerber, was vermutlich der mitgelieferten Handsteuerbox und den Closed-Loop-Encodern an den Motoren geschuldet ist, während die reine Traglast auf dem Papier zunächst in einer ganz ähnlichen Liga spielt.

Mich persönlich würde daher brennend interessieren, wie sich dieses kompakte Leichtgewicht in der Praxis schlägt, wenn man es fest auf eine Betonsäule schraubt und ihm einen richtig schweren Tubus aufhalst. Packt die kleine Montierung diesen langen Hebel im echten Sternwarten-Alltag wirklich mühelos?

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Vielen Dank fürs Lesen und allzeit Clear Skies

Euer Dimi

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