Jenseits der Plejaden: Die Suche nach den verlorenen Geschwistern von M45

Einleitung & Die Vergänglichkeit der Haufen

Dass offene Sternhaufen nur eine Momentaufnahme an unserem Nachthimmel sind, war mir bewusst. Auch, dass selbst unser Heimatstern, die Sonne, vor langer Zeit Teil eines solchen fragilen Gebildes war, ist sicherlich kein Geheimnis. Ganz im Gegensatz zu den stabilen Kugelsternhaufen am Rande der Milchstraße, die teilweise so alt wie das Universum selbst sein können (Messier 92 etwa wird auf 13,8 Milliarden Jahre geschätzt), werden offene Sternhaufen kaum älter als eine Milliarde Jahre. Die Hyaden zum Beispiel befinden sich mit ihren etwa 700 bis 750 Millionen Jahren bereits in einem fortgeschrittenen Stadium der Auflösung. Nach dieser Zeit sind die Sterne meist so weit auseinandergedriftet, dass ihr einstiger enger Verbund kaum noch nachweisbar ist.

Die Suche nach den Geschwistern unserer Sonne

Bei unserer Sonne ist es nach mehr als 4,5 Milliarden Jahren beinahe unmöglich, noch Brüder und Schwestern zu finden. Immerhin hat sich unser Heimatstern seit seiner Entstehung schon etwa 20 Mal um das galaktische Zentrum der Milchstraße bewegt. Hier kann man nur noch anhand präziser Altersbestimmung, der Bahndynamik und der weitaus schwerer zu messenden chemischen Zusammensetzung (Spektralanalyse) nach Kandidaten suchen. Mit HD 162826, einem Stern im Sternbild Herkules (ca. 110 Lichtjahre entfernt), gibt es jedoch zumindest einen Kandidaten, der diese strengen Tests bisher bestanden hat.

Vom 100-Sterne-Projekt zur Suche nach den fehlenden Schwestern

Aufmerksam auf dieses Thema bin ich durch den Podcast „Das Universum“ mit Ruth und Florian geworden. In Episode 145 („Wo sind die ganzen Plejaden hin?“) [Link zum Podcast] ging es genau um diese Spurensuche.

Bei mir als e-Book Version

Eigentlich hatte ich ein sehr ähnliches und weitaus ambitionierteres Projekt schon im Auge. Damals faszinierte mich Florian Freistetters Buch „Eine Geschichte des Universums in 100 Sternen“ [Amazon] dermaßen, dass ich alle darin beschriebenen Sterne, die von Europa aus beobachtbar sind, nach und nach fotografieren wollte. Zu diesem Mammutprojekt ist es bisher nie gekommen, aber die Geschichte rund um die verschwundenen Schwestern hat mein Jagdfieber nach solchen Projekten wieder geweckt. Wer weiß – vielleicht wird aus der Liste der 100 Sterne ja doch noch etwas.

Die Tabelle der Ausreißer

Dank präziser Messungen von Eigenbewegung und chemischer Signatur wissen wir heute, dass viele Sterne zur ursprünglichen „Ur-Wolke“ der Plejaden gehören. Ich muss aber ehrlich gestehen, dass ich mir am Anfang meiner Suche sicher war, dass Melotte 20 auch ein verlorener Teil der Plejaden ist. Dem ist aber nicht so! Melotte 20 entstand zwar aus der gleichen Molekülwolke wie M45, aber zu einem anderen Zeitpunkt. Es sind also eher entfernte Cousins als leibliche Geschwister, die zwar beide Teil der übergeordneten „Local Association“ sind, aber eben unterschiedliche Geburtstage haben.

Dennoch habe ich Melotte 20 trotzdem fotografiert und im Nachhinein bin ich froh drum, denn er zeigt perfekt, wie leicht man sich bei der Suche nach den Geschwistern täuschen lassen kann. Einen streng wissenschaftlichen Anspruch erhebe ich mit meinen Artikeln sowieso nicht, mir geht es eher um die Begeisterung an der Recherche.“

Objekt / SternTypDistanzBedeutung
HD 23753Stern (B8 V)440 LjEin heller Stern am äußeren Halo, der physisch zu M45 gehört.
18 TauriStern (B8 V)444 LjFrüher oft als Feldstern gelistet, heute als echtes Mitglied bestätigt.
53 ArietisRunaway Star750 LjEin Ausreißer, der vor Jahrmillionen aus seinem Cluster katapultiert wurde.
Melotte 20Offener Sternhaufen600 LjDer „kosmische Cousin“; dient als Referenzpunkt, um echte Plejaden-Ausreißer von fremden Sternströmen zu unterscheiden.
AB DoradusBewegungshaufen50 LjEine Gruppe von Sternen mit fast identischem „genetischem“ Fingerabdruck.

Leider ist die Sternengruppe „AB Doradus“ von Europa aus nicht beobachtbar und kann demnach auch nicht von mir fotografiert werden.

Vom Katalog auf den Sensor

Da es sich hier aber um eine „Sternegeschichte“ handelt, erwartet nicht die besten Astrofotos, sondern genießt die Geschichten der einzelnen Objekte. Es geht um Sterne, die heute weit verstreut am Himmel stehen und auf den ersten Blick nichts mehr mit den bekannten „Sieben Schwestern“ zu tun haben, obwohl sie aus derselben Familie stammen.

HD 23753: Ein Grenzgänger am Rande der Plejaden

Ein besonders spannendes Objekt bei meiner Suche war der Stern HD 23753. Er steht schon ein gutes Stück abseits des bekannten Zentrums, gehört aber immer noch fest zur Familie. Dass er auf langbelichteten Fotos in die gleichen blauen Nebelschleier gehüllt ist wie die berühmten Hauptsterne, ist kein Zufall. Er ist zur selben Zeit wie seine Geschwister entstanden und zieht heute mit genau dem gleichen Tempo durch das All.

Man kann ihn sich wie ein Familienmitglied vorstellen, das zwar noch mit im Haus wohnt, aber eigentlich schon mit einem Bein in der eigenen Wohnung steht. In den nächsten Jahrmillionen wird er als einer der Ersten die Verbindung zum Haufen endgültig verlieren. Damit ist er quasi ein „Ausreißer in spe“ und markiert genau die Grenze, an der die Gemeinschaft der Plejaden langsam zerfällt.

HD 23753
ParameterWert
BezeichnerHD 23753 (18 Tauri)
SpektralklasseB8V (Hauptreihe)
Helligkeit5.66 mag
Entfernungca. 440 Lj
StatusGebundenes Mitglied (Peripherie)

18 Tauri: Ein Leuchten weit abseits der Mitte

Ein weiteres faszinierendes Geschwisterkind ist der Stern 18 Tauri. Mit bloßem Auge ist er im Vergleich zu den strahlenden Hauptsternen kaum auszumachen, doch er ist ein wichtiges Puzzleteil, um die wahre Größe der Plejaden zu verstehen. Er entstand vor Urzeiten aus derselben Gaswolke wie das berühmte Siebengestirn und gehört damit seit dem ersten Tag zur Familie.

Auf Astrofotos sieht man oft, wie er in feine blaue Staubfäden eingebettet ist. Das zeigt uns ganz ohne komplizierte Messwerte, dass er physisch noch immer mit dem Haufen verbunden ist. Für mich ist 18 Tauri das perfekte Bindeglied in dieser Geschichte. Er steht symbolisch für all die Sterne, die zwar nicht mehr zum vertrauten „Diamanten-Muster“ im Zentrum gehören, aber beweisen, dass die Plejaden in Wahrheit viel weitläufiger sind, als wir auf den ersten Blick vermuten.

18 Tauri
ParameterWert
Name18 Tauri (HD 23324)
SpektralklasseB8V
Helligkeit5.65 mag
Entfernungca. 444 Lj
StatusBestätigtes Mitglied (Innerer Halo / Peripherie)

53 Arietis: Der rasant entflohene Bruder

Wenn wir über die „verlorenen Geschwister“ sprechen, ist 53 Arietis das Paradebeispiel für ein richtig dramatisches Schicksal. Während andere Sterne ihre Heimat eher gemächlich verlassen, ist er ein echter Ausreißer im wahrsten Sinne des Wortes – ein sogenannter „Runaway Star“.

Seine Geschichte gleicht eher einem Rauswurf als einem sanften Abschied. Er wurde vor Millionen von Jahren mit einer unglaublichen Geschwindigkeit aus seiner Geburtsstätte herausgeschleudert. Die Ursache war vermutlich eine heftige Begegnung in einem Mehrfachsternsystem oder sogar die gewaltige Explosion eines ehemaligen Begleiters.

Heute rast dieser heiße, blau-weiße Riese als einsamer Wanderer durch das All. Er zeigt uns eindrucksvoll, dass „verlorene Geschwister“ nicht immer nur langsam wegdriften. Manchmal werden sie förmlich aus ihrer Heimat verbannt und ziehen heute in einem mörderischen Tempo ihre eigene Spur durch die Dunkelheit, weit weg von dem Ort, an dem sie eigentlich zu Hause waren.

53 Arietis
ParameterWert
Name53 Arietis (HD 19374)
SpektralklasseB1.5 V
Helligkeit6.10 mag
BesonderheitRunaway Star (Ausreißerstern)
Geschwindigkeitca. 45-50 km/s (relativ zum Umfeld)

Melotte 20: Verwandte, keine Zwillinge

Oft wird vermutet – und ich bin am Anfang selbst voll darauf reingefallen –, dass Melotte 20 und die Plejaden früher einmal eine feste Einheit waren. Wenn man aber genauer hinschaut, ist das eher eine „kosmische Nachbarschaft“ als eine enge Verwandtschaft. Beide Haufen ziehen zwar als Teil der großen „Local Association“ gemeinsam wie ein gewaltiger Strom durch unsere galaktische Ecke, aber sie sind keine echten Geschwister.

Während meiner Recherche an diesem Projekt musste ich feststellen, dass Melotte 20 mit etwa 60 Millionen Jahren deutlich jünger ist und aus einer ganz anderen Ecke der Ur-Molekülwolke kommt. Trotzdem bereue ich die 90 Minuten Belichtungszeit keine einzige Sekunde. Mein Foto zeigt diese prachtvolle Gruppe und erinnert mich jedes Mal daran, wie knifflig die Spurensuche am Himmel schon immer gewesen sein muss – von den ersten Teleskopen eines Galilei bis hin zur modernen Astrofotografie.

Melotte 20
ParameterWert
NameMelotte 20 (Alpha-Persei-Haufen)
SpektralklasseB, A, F (Hauptkomponente Alpha Persei: F5 Ib)
Helligkeit1.2 mag (Gesamthelligkeit des Haufens)
Entfernungca. 600 Lj
StatusEigenständiger offener Sternhaufen (Dynamischer Cousin)

Fazit

Die Plejaden sind kein abgeschlossenes System, sondern Teil einer weitläufigen Struktur, die sich über riesige Distanzen durch unsere Galaxie zieht. Wenn wir das nächste Mal M45 fotografieren, lohnt sich auch der Blick über den Tellerrand des bekannten Zentrums hinaus. In den vermeintlich leeren Bereichen zwischen den Sternbildern verbergen sich die wahren Ausmaße dieser Gruppe – von den noch gebundenen Mitgliedern am Rand bis hin zu den weit verstreuten Verwandten der Local Association.

Vielen Dank fürs Lesen und bis bald.

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