Mein letzter Beitrag über den überraschenden Preiskampf zwischen dem Dwarflab Draco und dem ZWO Seestar S50 Pro hat einiges an Resonanz hinterlassen. Auch in mir hat die Ankündigung des Draco etwas ausgelöst, was man durchaus Euphorie nennen kann. Ich gebe es offen zu. Auch ich habe darüber nachgedacht, mein ursprüngliches Vorhaben, das Seestar nach dem 60-tägigen Test offiziell zu erwerben, zu verwerfen und mir stattdessen den Draco direkt vorzubestellen.
Nachdem sich der erste Hype etwas gelegt hat, betrachte ich die Sache nun jedoch deutlich nüchterner. Je genauer man sich die technischen Daten anschaut, desto mehr Fragen beschäftigen mich. Was anfänglich wie das perfekte Wunschkonzert der Community aussah, wirft bei genauerer Betrachtung einige Bedenken auf. Das fängt bereits bei der Herkunft der Hauptkamera an.
Der Sensor: Ein Smartphone-Gigant in der Astrofotografie
Dwarflab setzt beim Draco im Tele-Setup auf den OmniVision OV50Q40. In der Welt der Smartphones ist OmniVision ein riesiger Name. In der echten, semiprofessionellen Astrofotografie ist der Hersteller bislang jedoch unbeschrieben, da der Markt seit Jahren klar von Sony dominiert wird.
Interessanterweise nutzt auch ZWO beim Seestar S50 Pro einen Sensor von OmniVision, nämlich den OS08B10. Damit kochen auf dem Papier beide Hersteller mit dem gleichen Wasser. Der feine Unterschied liegt jedoch in der Sensor-Philosophie. Während ZWO auf einen nativen 8-Megapixel-Sensor mit 2,0 Mikrometer großen Pixeln setzt, verbaut Dwarflab einen klassischen 50-Megapixel-Smartphone-Chip mit extrem winzigen 1,2 Mikrometer kleinen Pixeln.
Um das starke Oversampling bei 340 Millimeter Brennweite einzudämmen, schaltet Dwarflab bei Deep-Sky-Aufnahmen ein 2×2 Binning auf effektiv 2,4 Mikrometer ein. Was im Datenblatt gut klingt, hat bei Farbkameras allerdings einen technischen Haken. Durch das Bayer-Muster der Farbfilter bringt digitales Binning bei Farbsensoren keinen echten Empfindlichkeitsgewinn auf Hardware-Ebene. Die Daten müssen erst nachträglich per Software verrechnet werden.
Astro-Wissen: Warum 2×2 Binning bei Farbkameras anders funktioniert
Beim sogenannten Binning werden mehrere benachbarte Pixel zu einem größeren virtuellen Pixel zusammengefasst. Das Ziel ist es, mehr Licht aufzufangen und das Bildrauschen zu senken.
- Monochrom-Kameras (Schwarz-Weiß): Hier ist jedes Pixel gleich. Schaltet man vier Pixel zusammen, addiert sich das Licht auf Hardware-Ebene. Die Empfindlichkeit vervierfacht sich, und das Ausleserauschen sinkt deutlich.
- Farbkameras (OSC / One Shot Color): Über den Pixeln liegt ein Farbraster, die sogenannte Bayer-Matrix (Rot, Grün, Grün, Blau). Benachbarte Pixel sehen also unterschiedliche Farben. Man kann ein rotes und ein grünes Pixel nicht einfach auf Hardware-Ebene zusammenrechnen, ohne die Farbinformation zu verlieren.
Das Binning bei Farbkameras geschieht deshalb erst nachträglich per Software. Man gewinnt zwar etwas Signal-Rausch-Abstand im fertigen Bild, erhält aber keinen echten Empfindlichkeitsgewinn der Hardware wie bei einer Monochrom-Kamera.
Ein nativer Sensor mit von Haus aus größeren Einzelpixeln liefert daher in der Praxis meist mehr Dynamik und brennt bei hellen Sternen nicht so schnell aus. Dass man die nativen 1,2 Mikrometer beim Draco zudem als Vorteil für Planetenaufnahmen verkauft, wirkt bei 340 Millimeter Brennweite etwas optimistisch. Für echte Planetendetails fehlt es schlicht an optischer Brennweite.
Ein ähnlicher Punkt zeigt sich beim Thema Kühlung. Dwarflab wirbt stolz mit einer aktiven Sensorkühlung. Wer aus der klassischen Astrofotografie kommt, denkt dabei sofort an gekühlte Deep-Sky-Kameras, die den Sensor mühelos auf minus 10 oder minus 20 Grad einfrieren. Schaut man jedoch auf die genauen Spezifikationen, schafft das Peltier-Element im Draco lediglich eine Temperaturabsenkung von etwa 5 bis 10 Grad unter die Umgebungstemperatur.
Das ist aus Akku-Sicht absolut sinnvoll, da eine echte Tiefkühlung den internen Akku in kürzester Zeit leersaugen würde. Es verhindert in warmen Sommernächten auch effektiv das Aufheizen des Sensors im geschlossenen Gehäuse. Dennoch sollte man das Marketing-Wort der Kühlung richtig einordnen. Es ist eine nützliche Bremse gegen thermisches Rauschen, aber eben kein Vergleich zu einer echten, tiefgekühlten Astrokamera.
Bildfeldrotator und Guiding: Revolutionär oder fehleranfällig?
Der Punkt, der mich am meisten beschäftigt, ist der eingebaute Bildfeldrotator. Dass ich mir einen Rotator für das Seestar gewünscht habe, ist kein Geheimnis. Ich dachte dabei allerdings primär an das komfortable Einstellen des Bildausschnitts oder an kleine Korrekturen alle paar Aufnahmen im Azimutal-Modus, um den Randschnitt zu minimieren. (siehe Artikel – ZWO Seestar S30 Pro: Sprung nach vorn – Aber wo bleibt der Bildfeldrotator?)
Beim Draco wird der Rotator nun als echte physische Bildfeld-Derotation für Langzeitbelichtungen von bis zu 300 Sekunden beworben. Wenn das stabil und präzise funktioniert, wäre das absolut genial.
Ich habe allerdings meine berechtigten Zweifel. Ich selbst habe für mein 14 Zoll LX200R mit Reducer einmal ernsthaft über einen Bildfeldrotator nachgedacht. Nach ausführlicher Recherche in Foren habe ich die Idee jedoch schnell wieder verworfen. Selbst bei hochpreisigen Rotatoren im vierstelligen Bereich, wie etwa dem Meade Field De-Rotator oder Systemen von Pyxis, berichten viele Astrofotografen von hartnäckigen Problemen. Typische Schwachstellen sind da mechanischer Backlash, Feldverzerrungen durch minimal falsche Ausrichtung und komplexe Nachführfehler bei Zenit-Passagen. Ich bin daher ziemlich fix wieder von der Idee abgekommen und habe mich damals stattdessen lieber für kurze Belichtungen von 5 bis 10 Sekunden entschieden, kombiniert mit einer Astrokamera ohne mechanischen Verschluss (siehe Artikel – Erfahrungen mit der SVBONY SV405CC Astrokamera).

Genau deshalb habe ich auch erhebliche Zweifel, wenn bei einem Smart-Teleskop zeitgleich über drei Achsen nachgeführt werden muss. Zwar ist der Draco mit seinen 340 Millimeter Brennweite deutlich gutmütiger als ein großes Schmidt-Cassegrain-Teleskop, aber wir reden hier immer noch von Mechanik in einem Consumer-Gerät und einer angestrebten Belichtungszeit von bis zu 5 Minuten. Dass Dwarflab eine dritte Kamera als dedizierten Guiding-Sensor verbaut, zeigt zwar, dass man sich dieser gewaltigen Herausforderung bewusst ist.
Aber am Ende frage ich mich schlicht, wie viel Präzision in einer Mechanik stecken kann, die in der Produktion nur einen kleinen Teil des Gesamtpreises ausmachen darf. Wenn ich mir überlege, dass man in der klassischen Astrofotografie für knapp 1.600 Euro gerade einmal eine einzelne, nackte gekühlte Kamera ohne jegliches Zubehör bekommt, wirken rund 1.400 bis 1.600 Euro für ein Komplettsystem aus Optik, Kühlung, drei Kameras, Filterrad und rotierender Nachführung erschreckend günstig.
Marketing, Wünsche und das Konsolen-Phänomen
Der Auslieferungstermin für den Draco ist aktuell für November angekündigt. Ob dieser Termin tatsächlich gehalten werden kann, bleibt allerdings abzuwarten. Die ganze Ankündigungs-Strategie erinnert mich ein wenig an die Videospielbranche zur Jahrtausendwende. Wenn ein Konkurrent ein erfolgreiches Produkt auf den Markt brachte, wurde schnell ein Nachfolger angekündigt, der auf dem Papier alles besser kann, um potenzielle Käufer vom Umstieg oder Kauf abzuhalten.
Ich erinnere mich noch sehr genau an die Zeit, als Sega damals die Dreamcast auf den Markt brachte. Sony reagierte prompt und kündigte die PlayStation 2 mit bombastischen Grafikversprechen an. Kurz darauf folgten die ersten Demos von Metal Gear Solid 2 auf dem Frachter im strömenden Regen. Das sah spektakulär aus und verleitete unzählige Spieler dazu, ihr Geld lieber zu sparen und auf die PS2 zu warten.
Die Realität zum Verkaufsstart sah dann allerdings reichlich ernüchternd aus. Wer die damaligen Berichte und Grafikvergleiche zwischen den ersten Werbedemos und dem tatsächlichen Launch-Material kennt, erinnert sich an die Ernüchterung. Die ersten Spiele kämpften massiv mit Kantenflimmern und matschigen Texturen. Von der versprochenen Hollywood-Grafik war das fertige Produkt dann meilenweit entfernt.
Es wirkt fast so, als ob Dwarflab kurz vor der Ankündigung mit einer Community-Umfrage auf Facebook genau diese Taktik angewendet hat. Man sammelte die populärsten Wünsche der Astrofotografen, packte sie auf ein beeindruckendes Datenblatt und warf den Draco als Ankündigung in den Raum, während viele auf das ZWO Seestar S50 Pro schielten.
Dass so eine Ankündigung die Branche aus Sicht von Dwarflab aber auch komplett positiv auf den Kopf stellen kann, zeigt die Geschichte der Technik ebenfalls sehr anschaulich. Man denke nur an den Januar 2007, als Steve Jobs die Bühne betrat und das allererste iPhone ankündigte. Damals lachten die etablierten Marktführer Nokia und BlackBerry über das Gerät ohne physische Tastatur. Doch Apple lieferte ab und läutete quasi über Nacht eine völlig neue Generation an Mobiles ein.
So eine Ankündigung muss also keineswegs in einer Enttäuschung enden. Sie kann genauso gut der Startschuss für eine echte kleine Revolution im Markt der Smart-Teleskope sein. Welchen Weg der Draco am Ende einschlägt, ob er wie das iPhone als Gamechanger die Messlatte neu definiert oder ob sich die Versprechungen eher als Marketing-Seifenblase entpuppen, wird erst die Praxis zeigen.
Fazit: Zwischen Marketing-Versprechen und der Realität am Himmel
Der Dwarflab Draco ist auf dem Papier zweifellos ein extrem spannendes Gerät. Er bündelt Features, die sich viele Astrofotografen seit Langem wünschen: mehr Öffnung, aktive Kühlung, ein integriertes Filterrad und eine rotierende Bildfeld-Derotation. Schaut man jedoch mit etwas Abstand und technischem Verstand auf die Spezifikationen, weicht die erste Euphorie einer nüchternen Betrachtung.
Der verbaute Sensor ist ein klassischer Smartphone-Chip mit winzigen Pixeln, die Kühlung ist eher eine sinnvolle Bremse gegen Überhitzung als ein echtes Tiefkühlsystem, und die mechatronische Herausforderung einer Drei-Achsen-Nachführung in einem Consumer-Gerät ist gewaltig.
Ich möchte das Gerät keineswegs schlechtreden, bevor es am Nachthimmel gezeigt hat, was in ihm steckt. Dwarflab hat den Mut, verkrustete Strukturen aufzubrechen und neue Wege zu gehen. Dennoch habe ich den Draco bewusst nicht vorbestellt. Bevor ich knapp 1.600 Euro ausgebe, bleibe ich entspannt an der Seitenlinie und warte ab, ob das versprochene technische Paket auch wirklich fehlerfrei auf der Straße landet. Selbst wenn sich die Auslieferung wegen des Feinschliffs bis in den Winter verzögert, ist mir das recht. Lieber warte ich auf echte Erfahrungsberichte aus der Praxis, als ein unfertiges Produkt in den Händen zu halten.
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Vielen Dank fürs Lesen und allzeit Clear Skies
Euer Dimi























