S50 Pro Test – Tag 32: Sensor-Tilt oder Messfehler?

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Dieser Artikel ist Teil meines 60-Tage-Praxistests zum ZWO Seestar S50 Pro*. Das Testgerät wurde mir für diesen Zeitraum von Astroshop / NIMAX GmbH zur Verfügung gestellt. Es handelte sich um keine Schenkung, und es gab keinerlei inhaltliche Vorgaben oder Einflussnahme auf meine Bewertung. Sämtliche Eindrücke, Urteile und Testergebnisse spiegeln ausschließlich meine persönliche, unbeeinflusste Meinung als Astrofotograf wider.

Die letzten drei Tage waren für mich ein echtes Wechselbad der Gefühle. Von einem besorgten „Oh Mist, mein Seestar hat ein massives Hardware-Problem“ bis hin zu einem erleichterten „Vielleicht ist das alles doch gar nicht so schlimm“ war wirklich alles dabei. Vor ein paar Tagen hat mich nämlich ein aufmerksamer Leser meines Blogs auf diese kleine Technik-Schnitzeljagd geschickt.

Er hatte sich meine bereitgestellten RAW-FITS-Dateien von IC1396 heruntergeladen und sie durch die Analysesoftware ASTAP gejagt. Das Ergebnis war im ersten Moment ein echter Schock. Die nackten Zahlen bescheinigten dem Seestar S50 Pro einen massiven Sensor-Tilt. Die gemessenen HFD-Werte zeigten dabei einen deutlichen Unterschied zwischen den gegenüberliegenden Bildecken. Da macht man sich natürlich erst einmal Sorgen.

Astro-Wissen: Was bedeutet „HFD“?

HFD steht für Half Flux Diameter und beschreibt vereinfacht gesagt, wie konzentriert das Licht eines Sterns im Bild ist. Der Wert wird in der Regel in Pixeln angegeben. Ein kleinerer HFD bedeutet dabei ein kompakteres Sternabbild und damit normalerweise einen schärferen Stern.

Für die Messung wird nicht einfach die sichtbare Größe eines Sterns gezählt. Stattdessen wird die Verteilung seines Lichtes ausgewertet und bestimmt, in welchem Durchmesser sich die Hälfte des gesamten Sternflusses befindet.

Für die Tilt-Analyse wird anschließend nicht ein einzelner Stern betrachtet. Programme wie ASTAP vergleichen die Median-HFD-Werte vieler Sterne in verschiedenen Bereichen des Bildfeldes. Sind die Sterne beispielsweise auf einer Seite des Sensors systematisch breiter als auf der gegenüberliegenden Seite, kann das auf eine Verkippung des Sensors oder andere optische Effekte hindeuten.

Wichtig: Die HFD-Messung benötigt ausreichend Signal. Bei sehr schwachen Sternen und starkem Rauschen kann die Bestimmung schwieriger werden. Gerade bei kurzen 10-Sekunden-Einzelaufnahmen ist dieser Punkt deshalb interessant.

Die Auswertung eines 10-Sekunden-Rohbildes in ASTAP zeigt einen deutlichen Schärfeabfall zur oberen rechten Ecke.

Ich konnte das Ganze anfangs kaum glauben, da mein fertiges Bild vom Elefantenrüssel-Nebel eigentlich wunderbar aussah (Tagebuch-Eintrag 13). Also habe ich mir exakt dasselbe Rohbild geschnappt und es testweise mit Siril analysiert.

Und siehe da, auch Siril zeigte einen Schärfeabfall zur oberen rechten Ecke hin. Allerdings fiel dieser deutlich weniger dramatisch aus als bei ASTAP. Der HFD-Wert stieg von 3,62 unten links auf 5,2 oben rechts an.

Damit war zumindest klar: ASTAP hat sich den Effekt nicht einfach komplett ausgedacht. Auch Siril erkennt auf demselben Rohbild eine deutliche Asymmetrie. Die beiden Programme kommen allerdings zu sehr unterschiedlichen Ergebnissen, was die tatsächliche Stärke des Effekts angeht.

Meine Vermutung ist weiterhin, dass das starke Rauschen der kurzen 10-Sekunden-Frames dabei eine Rolle spielen könnte. Gerade bei den kleinen und schwachen Sternen am Rand stelle ich mir eine zuverlässige HFD-Bestimmung unter diesen Bedingungen nicht gerade einfach vor. Ob das Seestar die angezeigte Aufnahmezeit dabei wirklich exakt so berechnet, weiß ich momentan allerdings nicht.

Dasselbe Rohbild in Siril analysiert zeigt ebenfalls eine deutliche Asymmetrie, allerdings mit deutlich anderen Werten.

Wie es der Zufall so wollte, hatte ich von einer anderen Session noch einen extrem kurzen M13-Stack auf dem S50Pro. M13 hatte ich damals lediglich für einen kurzen Anfahrtstest ausgewählt: Objekt angefahren, Aufnahme gestartet und nach ungefähr zwei Minuten wieder beendet.

Es handelte sich also nicht um eine geplante Aufnahmeserie, wie bei meinen IC1396-Aufnahmen, sondern wirklich nur um einen kurzen Test. Ob das Seestar die angezeigte Aufnahmezeit dabei wirklich exakt so berechnet, wie man es erwarten würde, weiß ich momentan allerdings nicht. Entscheidend ist für mich deshalb vor allem: Es war eine sehr kurze Aufnahme von ungefähr zwei Minuten.

Leider hatte ich bei diesem Test die einzelnen Rohbilder nicht gespeichert. Mir steht daher heute nur noch der unbearbeitete Stack zur Verfügung.

Trotzdem war dieser kurze Stack interessant genug für einen Gegencheck. Ich habe ihn in Siril analysiert und die HFD-Werte der vier Bildecken miteinander verglichen.

Das Ergebnis war tatsächlich überraschend: 3,32 – 3,44 – 3,32 – 3,30.

Die vier Ecken liegen damit praktisch auf einem Niveau. Von der dramatischen Verkippung, die das einzelne 10-Sekunden-Bild vermuten ließ, ist hier plötzlich kaum noch etwas zu sehen.

Der extrem kurze M13-Stack zeigt plötzlich ein erstaunlich gleichmäßiges Bildfeld mit nahezu identischen HFD-Werten in allen vier Ecken.

Das ist natürlich noch kein Beweis dafür, dass überhaupt kein mechanischer Sensor-Tilt vorhanden ist. Dafür ist dieser Test viel zu eingeschränkt – schließlich habe ich hier keinen einzelnen Rohframe mehr zur Verfügung und kann die Bedingungen der Aufnahme nicht exakt rekonstruieren. Aber der Unterschied zwischen den beiden Messungen ist für mich trotzdem ausgesprochen interessant. Bei IC1396 haben wir ein einzelnes 10-Sekunden-Rohbild, in dem sowohl ASTAP als auch Siril eine deutliche Asymmetrie erkennen. Beim kurzen M13-Stack sind die Werte dagegen nahezu identisch.

Was hier genau passiert, kann ich deshalb momentan noch nicht mit Sicherheit sagen. Möglich ist, dass das deutlich bessere Signal-Rausch-Verhältnis durch das Stacken die HFD-Bestimmung stabiler macht. Möglich ist aber auch, dass noch andere Faktoren eine Rolle spielen, die ich bisher nicht berücksichtigt habe.

Was bedeutet das für die vielen Tilt-Berichte?

Diese Erkenntnis wirft für mich nun eine ganz andere Frage auf. Wenn man sich die vielen Berichte und Beschwerden über den Seestar-Tilt im Netz ansieht, frage ich mich, unter welchen Bedingungen diese Messungen jeweils entstanden sind. Wurden dabei einzelne, stark verrauschte 10-Sekunden-Rohbilder analysiert? Oder gibt es auch Aufnahmen mit längeren Belichtungszeiten, bei denen sich ein massiver Tilt immer wieder eindeutig zeigt?

Ich möchte deshalb momentan noch nicht behaupten, dass viele dieser Messungen falsch sind. Dafür fehlen mir schlicht die Vergleichsdaten, aber mein eigener Test zeigt zumindest, dass man bei einem einzelnen 10-Sekunden-Rohbild mit solchen Messwerten vorsichtig sein sollte. Der deutliche Unterschied zwischen den beiden Programmen und der nahezu perfekt gleichmäßige M13-Stack machen das Thema für mich jedenfalls deutlich spannender, als es nach der ersten ASTAP-Auswertung aussah.

Am Ende zählt für mich natürlich auch das tatsächliche Bildergebnis. Und gerade meine IC1396A-Aufnahme zeigt eindrucksvoll, welches Potenzial im S50 Pro steckt. Mein Rohstack wurde dabei von einem Leser mit Astro Wizzard bearbeitet – eine Software, mit der ich mich selbst irgendwann definitiv noch genauer beschäftigen muss. Einen offensichtlich störenden optischen Fehler kann ich im fertigen Bild jedenfalls nicht erkennen.

Mein Rohstack von IC1396A, von einem Leser mit Astro Wizzard bearbeitet. Das Ergebnis zeigt eindrucksvoll das Potenzial des S50 Pro – störende optische Fehler sind darin jedenfalls nicht offensichtlich zu erkennen.

Der entscheidende Test kommt noch

Mehr Klarheit werden wir allerdings erst haben, wenn ich den Sensor-Tilt unter anderen Bedingungen messen kann.

Sobald mein bestellter Adapter geliefert wird, werde ich das S50 Pro mit meinem klassischen TH10 im reinen EQ-Modus testen. Dann haben wir eine andere Aufnahmesituation als bei den bisherigen Alt-Az-Aufnahmen und können endlich schauen, ob sich der vermutete Tilt unter diesen Bedingungen tatsächlich reproduzieren lässt.

Bis dahin lehne ich mich jedenfalls noch nicht ganz entspannt zurück. 😉

Vielen Dank fürs Lesen und allzeit Clear Skies

Euer Dimi


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1 Kommentar zu „S50 Pro Test – Tag 32: Sensor-Tilt oder Messfehler?“

  1. Hallo Dimi
    Sehr schöner ausführlicher Bericht, bin immer noch am hadern ob S50 pro oder der neue Dwarf Drago
    Dauert ja noch gut 14 Tage bis die Pro bei den Händlern Aufschlagen.
    Bleibe hier dran, dann kann ich mich immer noch entscheiden, mit der Zwo App kenne ich mich natürlich schon aus und auf deutsch großer Vorteil
    CS Ceule

    Antworten

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